"Clans" und mOK

Posted on December 02, 2020


Einige unserer Projektpartner*innen äußerten die Erwartung, Echolot möge zur Klärung beitragen, ob „arabische Clans“ in Berlin ein Problem darstellten, wie groß dieses Problem sei und welche Präventionsstrategien entwickelt werden könnten. Diese Erwartung wird Echolot mindestens in Teilen enttäuschen

Wir gehen davon aus, dass die sogenannten „Clans“ eine lokale Erscheinungsform mafiöser Organisierter Kriminalität (mOK) sind. Aber was und wer genau ist mit dem Begriff „Clan“ eigentlich gemeint – und was und wer nicht? Welche Strukturen werden warum als „Mafia“ beschrieben – und welche warum als „Clans“? Hier besteht Klärungsbedarf.

In den Medien wird als besonderes Kennzeichen von „Clans“ gerne die familiäre Struktur angeführt. Dies jedoch beruht auf Unkenntnis des Phänomens Mafia. Denn fast alle Mafien sind entlang familialer Strukturen organisiert, etwa die Mafien aus Italien, dem Kosovo und Nigeria, oder waren es ursprünglich einmal. Das familiale Prinzip ist somit das zentrale oder klassische Organisationsprinzip der Mafien, auch wenn es nicht das einzige ist. Dies hängt möglicherweise damit zusammen, dass innerhalb tradierter heteronormativer Familienstrukturen ein besonders hoher Loyalitätsdruck herrscht. Das Loyalitätsprinzip wiederum spiegelt sich auch in Mafien, die aus Knastbruderschaften entstanden sind, etwa bei russischen Mafia Gruppen oder den deutschen Ringvereinen.

Der unscharfe Begriff „Clan“ ist häufig rassistisch konnotiert und wird genutzt, um rassistische Debatten anzuheizen oder wiederzubeleben. Die Vorstellung, mafiöse Organisierte Kriminalität (mOK) sei ein Problem „arabischer Clans“ knüpft an rassistische Vorstellungen kultureller Reinheit an und schiebt das Problem Personengruppen zu, die als „fremd“ dargestellt werden. Dass aber mOK ausschließlich aus dem Ausland komme und „deutscher Kultur“ fremd sei – dieser Annahme sollte nicht zuletzt vor dem Hintergrund der nicht aufgearbeiteten Geschichte der nationalsozialistischen Verfolgung von mOK-Netzwerken mit äußerster Vorsicht begegnet werden. Denn zur langen Geschichte der mOK in Berlin gehört auch die nationalsozialistische Verfolgung deutscher mOK-Strukturen, die von den Nazis als „volksfremd“ angesehen und deren Mitglieder in „vorbeugende Schutzhaft“ genommen wurden. Die aus Knastbruderschaften entstandenen Ringvereine wurden von den Nationalsozialist*innen 1934 verboten, viele ihrer Mitglieder kamen als „Berufsverbrecher“ in Konzentrationslager.

Um mafiöse Organisierte Kriminalität (mOK) zurückzudrängen, muss der Frage nachgegangen werden, welche gesellschaftlichen, politischen, wirtschaftlichen oder administrativen Faktoren sie begünstigen. Der Begriff „Clans“ lenkt von diesen begünstigenden Faktoren und den damit verbundenen Kontaktnetzwerken ab. Sowohl für das Verständnis des Phänomens mOK als auch im Sinne der Fortentwicklung demokratischer Kultur rät Echolot deshalb von der Nutzung des Begriffs ab. Sofern der Begriff in Publikationen des Projekts genutzt wird, wird er in Anführungszeichen gesetzt.