ANTISEMITISMUS IN KUNST & KULTUR

Die Rolle von Kunst und Kultur für die Auseinandersetzung mit Nationalsozialismus und Antisemitismus ist weniger positiv als gemeinhin angenommen. In Verklärung der eigenen Geschichte dominiert heute die Erzählung, dass die bundesrepublikanische Gesellschaft spätestens in den 1980er Jahren begonnen habe, sich intensiv mit der Shoah zu befassen – man denke nur an die Geschichtswerkstätten-Bewegung der 1980er Jahre oder an Weizsäckers Rede von 1985. Doch diese Aufarbeitung in Kunst und Kultur war keineswegs so bruchlos, wie sie im Rückblick erscheinen mag. So sollte ebenfalls 1985 Rainer Werner Fassbinders antisemitisches Theaterstück Der Müll, die Stadt und der Tod uraufgeführt werden; aus Protest besetzten Mitglieder der Jüdischen Gemeinde Frankfurt am Main die Bühne des Schauspiels Frankfurt und verhinderten die Uraufführung. Im Rahmen des sogenannten Historikerstreits 1986/87 deutete Ernst Nolte die Shoah als Reaktion auf stalinistische Verbrechen in der Sowjetunion und stellte ihre Singularität infrage. 1998 hielt der Schriftsteller Martin Walser in der Paulskirche seine berühmt gewordene, offen antisemitische Rede, in der er einen Schlussstrich unter die Auseinandersetzungen mit dem Nationalsozialismus verlangte. Zur Kulturgeschichte gehört eben beides: das Anstoßen von Debatten einerseits, Antisemitismus, Geschichtsrevisionismus und Verdrängung andererseits.

In Ostdeutschland wird manchmal stolz auf die antifaschistische Literatur- und Filmproduktion der DDR verwiesen, wenn die Verdrängung der nationalsozialistischen Verbrechen in der westdeutschen Gesellschaft debattiert wird. Tatsächlich begannen in der DDR künstlerische Auseinandersetzungen mit dem Nationalsozialismus wesentlich früher als in der BRD – ein Aspekt, den es im Vergleich mit der westdeutschen Geschichte zu würdigen gilt. Verschwiegen werden darf allerdings auch nicht das Spannungsverhältnis, das zwischen dem Versuch einer antifaschistischen Kulturproduktion, der Zensur und der Ausblendung der Shoah zugunsten des Narrativs des siegreichen Antifaschismus bestand. Bald schon wurde diese Erzählung mit einem aggressiven Antizionismus verbunden. Die DDR blieb zeit ihres Bestehens antizionistisch, unterstützte die PLO und die Fatah militärisch und unterhielt bis zu ihrem Ende keine diplomatischen Beziehungen zu Israel.

Die fortwährende Verdrängung der Shoah und der – teils staatlich forcierte – Antizionismus gehören kaum zum gesellschaftlichen Gedächtnis bezüglich der Rolle von Kunst und Kultur. Wenn in der Vergangenheit namhafte Künstler*innen antisemitische Debatten inszenierten, blieb eine inhaltliche Auseinandersetzung oft auf der Strecke.

Das Institut für Neue Soziale Plastik fragt in seinen Projekten immer wieder nach Antisemitismus in Kunst und Kultur. Wie wirkt Antisemitismus in Zeitungen, Theatern, Filmen und in der Literatur? Wie steht es um die Bearbeitung von Antisemitismus in Kunst und (Hoch-)Kultur? Und, nicht zuletzt: Wie kann eine künstlerische, antisemitismuskritische Praxis aussehen?

So arbeitet das Institut für Neue Soziale Plastik im Projekt Chasak! mit künstlerischen Mitteln und kultureller Bildung zu verschiedenen Facetten des Antisemitismus. Entstanden sind bislang die Comic-Serie Chawerim und die pflanzliche Installation Wider_Standpunkte. Im September 2021 wird die Hörinstallation Besuch im Messingwerk und die Broschüre Im Nacken (mit Beiträgen von Julya Rabinowich, Lena Gorelik, Max Czollek, Rebecca Ajnwojner und anderen) vorgestellt. Im September 2021 erscheint außerdem der Sammelband Über jeden Verdacht erhaben? Antisemitismus in Kunst und Kultur beim Verlag Hentrich & Hentrich, der aus der Arbeit des Vereins hervorgegangen ist.